Die Zeit no. 41 30. september 2004
Klima der Angst
von Evelyn Runge

Islands Politiker opfern die zweitgrösste Wildnis Europas für ein gigantisches Staudammprojekt - und spalten damit die kleine Nation

Unabhänging sind die Isländer, unabhängig und stolz. Sie lieben ihre raue Insel im Nordatlantik, geprägt von heissen Quellen und spektakulären Wasserfällen. Wie weit darf man gehen, um diese Natur wirtschaftlich nutzbar zu machen? Diese Frage spaltet die kleine Nation. Es geht um ein gigantisches Projekt, das die Regierung und die halbstaatliche Energiegesellschaft Landsvirkjun als ,,Rettung der Ostfjorde" bezeichnen. Für Umweltschützer wie Arni Finnsson hingegen ist es ,,ein Verbrechen an der Natur: der Bau eines Stausees im unberührten Hochland, gut hundert Kilometer von der Provinzhauptstadt Egilsstadir entfernt.

Das Grossprojekt soll die Landflucht stoppen

Im Norden des Gletschers Vatnajökull fressen sich Maschinen ins Gestein, bebt die Erde nach Sprengungen, dröhnen Lastwagen über eine neue Asphaltstrasse. Spätestens von 2007 an sollen drei Dämme einen 57 Quadratkilometer grossen See am Berg Kárahnjúkar aufstauen, gespeist vow Gletscherfluss Jökulsá á Dal. Der mittlere Damm wird einer der grössten Europas sein: 193 Meter hoch, 730 Meter lang, am Sockel 600 Meter breit.

Der Staudamm ist Teil eines mehr als 1,3 Milliarden dollar teuren und grössten Bauprojekts des Landes. Dabei geht es einzig darum, Energie für ein neues Werk des amerikanischen Aluminiumherstellers Alcoa zu erzeugen. 400 Millionen dollar Kredit haben internationale Banken gegeben - vier davon aus Deutschland: die Landesbank Baden-Würtemberg (25 Millionen Dollar), die Postbank, die Nordl.b (je 17 Millionen Dollar) und die Deutsche Bank (10 Millionen Dollar).

Durch insgesamt 70 Kilometer Tunnel wird das gestaute Wasser künftig zu einem neuen Kraftwerk geleitet. Es soll einmal 4,5 Terawattstunden Strom im Jahr produzieren. Das sei mehr als die Hälfte dessen, was bereits in ganz Island erzeugt werde, sagt Sigurdur Arnalds, Ingenier und Pressechef des Bauherrn, der Energiegesellschaft Landsvirkjun. Der Strom aus dem Kraftwerk fliesst nahezu komplett zum Örtchen Reydarfjördur an der Ostküste. Dort baut Alcoa für eine Milliarde Dollar ein Aluminiumwerk. Dessen Kapazität: 322 000 Tonnen pro Jahr. Arbeitsplätze sollen entstehen, mit weiteren 300 Jobs in der Region wird gerechnet.

Seit über 30 Jahren verspricht die Regierung, Schwerindustrie in den Ostfjorden anzusiedeln, um die Landflucht zu stoppen. Immer mehr Menschen ziehen nach Reykjavík: Dort lebten 2002 über 62 Prozent der Gesamtbevölkerung, 1910 waren es nur 17 Prozent. Die Universität, die lebendige Club- und Kulturszene sowie bessere Jobmöglichkeiten locken vor allem junge leute an.

Für die Ostfjorde sei Kárahnjúkar ein optimistisches Signal, sagt Halldór Ásgrímsson, einer der stärksten Befürworter des Damm-Projekts im isländischen Parlament. 34 Jahre lang war Egilsstadir sein Wahlkreis. 1995 wurde er Aussenminister, jetzt ist er Ministerpräsident: Aufgrund einer Koalitionsvereinbarung übernahm er am 15. September das Amt von David Oddsson. Beide werben damit, die Entscheidung für Kárahnjúkar sei nicht nur regional, sondern global relevant. Denn er sei ,,besser für die Welt, Aluminium mit umweltfreundlicher Wasserenergie in Island zu produzieren als mit fossiler Energie in der Dritten Welt".

Dass ihr Projekt die nach der Insel Spitzbergen zweitgrösste verbliebene Wildnis Europas zerstört, sagen sie nicht. Laut Arni Finnsson von der isländischen Umweltschutzorganisation INCA wirkt sich Kárahnjúkar auf drei Prozent ganz Islands aus, das sind gut 3000 Quadrat-Kilometer. Der neue Stausee versenkt etwa Hauptweidegründe der Hochlandrentiere und zerschneidet ihre Migrationsrouten und Kalbungsgebiete. Brut- und Nahrungsstätten Tausender Kurzschnabelgänse gehen unter, ebenso archäologische Funde und weltweit bedeutende geologische Formationen wie Sedimentbänke, die seit dem Ende der Eiszeit entstanden sind. Islands grosser Canyon, der Dimmugljúfur, wird teilweise geflutet. Auch Vogelbrutgebiete und Seehundpopulationen sind an der 150 Kilometer entfernten Küste gefährdet: Der Stausee hält Sedimente zurück, die bisher ins Meer gespült wurden und die Uferlinie stabilisierten.

Der Damm ist eine Glaubensfrage - Familienfeiern enden im Streit.

Die grösste Gefahr aber sei die Erosion, sagt Finnsson: Im Frühjahr kann der Wasserspiegel des geplanten Reservoirs um bis zu 75 Meter sinken. Dann liegen fast 36 Quadratkilometer des Sees brach - eine Angriffsfläche für die heftigen Hochlandstürme, die den feinen Sedimentstaub grossflächig über die labile arktische Vegetation verteilen und das Ökosystem des Hochlands aus dem Gleichgewicht bringen.

All diese Fakten stehen in einem gut 230 Seiten starken Umweltfolgegutachten. In Auftrag gegeben wurde es von Landsvirkjun; wissenschaftliche Studien erstellten unter anderem das Institut für Biologie der Universität Reykjavík, das Institut für Naturgeschichte und das Institut für Süsswasserfischerei sowie mehrere Ingenieurfirmen. Auf Grundlage dieses Gutachtens lehnte die staatliche Planungskommission den Bau des Kárahnjúkar Kraftwerks ab: Das Projekt habe ,,einen substanziellen, irreversiblen negativen Einfluss auf die Umwelt", der die ökonomischen Aspekte überwiege.

Diesem Fazit jedoch wiedersprach die damalige Umweltministerin Siv Fridleifsdottir: Versehen mit 20 Auflagen, gab sie am 20 Dezember 2001 grünes Licht für Kárahnjúkar. Die Rechtmässigkeit dieses Verfahrens bestätigte der Oberste Gerichtshof am 22 januar 2004; er wies damit eine Klage von INCA zurück. Nach Ansicht von Arni Finnsson beugte sich Fridleifsdottir dem Druck ihrer Regierung: ,,Sie hatte der offiziellen Linie zu gehorchen - oder ihr Büro zu räumen. Sie hatte keine Wahl." Kárahnjúkar sollte durchgestetz werden, und ,,das war eine politische Entscheidung".

Abgesehen von der Umweltfrage, bezweifeln Kritiker auch die Wirtschaftlichkeit des Gross-
projekts. In einer Studie für INCA berechnete der Ökonom Thorsteinn Siglaugsson jährliche Verluste von 36 Millionen Dollar: Der von der Betreibergesellschaft Landsvirkjun angenommene Aluminiumpreis sei überaus optimistisch. ,,Für Grossprojekte ist nur die langfristige Prognose wichtig", so Siglausson. Die sagt sinkende Preise voraus, weshalb der diesjährige Anstieg des Aluminumpreises für Kárahnjúkar wenig bedeute. Zudem kosten nach einer Erhebung der World Commission on Dams grosse Dämme durchschnittlich 54 Prozent mehr als veranschlagt - unter anderem wegen unerwarteter geotechnischer Entdeckungen und ungenauer Inflationsprognosen.

Die Bauarbeiten im Hochland gehen derweil weiter. Der Damm verändert neben der Natur auch die Gesellschaft, Kárahnjúkar ist längst zur Glaubensfrage geworden: Familienfeier enden mit Schlägereien, Verwandte reden nicht mehr miteinander, Freundschaften zerbrechen. ,,Am Anfang brüllte man sich an. Jetzt versuchen wir, nicht über Kárahnjúkar zu sprechen", sagt Karen Erla Erlingsdóttir aus Egilsstadir. Es herrsche ein Klima der Angst.

Kritik ist nicht erwünscht. Einem Artikel in der englischen Zeitung Guardian im November folgten Protestbriefe von Landsvirkjun und Alcoa an die Chefredakteurin; der isländische Botschafter in London bezeichnete den Bericht als ,,schäbigen Journalismus". Und der neue Ministerpräsident Halldór Ásgrímsson sagte im Frühjahr zu Reportern: ,,Fremde sollten sich lieber für ihre eigene Umwelt interessieren als für die in anderen Ländern. Über Islands Umwelt wissen sie gar nichts."