29. ágúst/August 29th 2004
Island unter

Ein gewaltiges staudammprojekt bedroht den Einödhof Húsey ein Paradies für Urlauber, Robben und Raubmöven
eftir/ by Evelyn Runge

Auf der Fahrt zur Bucht Héraðsflói bremst Örn Þorleifsson plötzlich scharf und zeigt aus dem Fenster: Ein Polarfuchs flitzt über die Strasse und verschwindet in der Heide. Rechts und links erheben sich Berge, die Kuppen schneebedeckt und majestätisch. Die Luft ist kalt und rein, und in der Ferne leuchten zwei blaue Gebäude, in der Abendsonne. Das ist Húsey, das ,,Haus auf der Insel, gelegen zwischen den Gletscherflüssen Jökulsá á Dal und Lagarfljót im Osten von Island.

Örn spricht perfekt Deutsch; 1957 handelte er in der Nähe von Hannover mit Pferden. ,,Da lernte ich die Gossensprache, sagt er und lacht. ,,Zu einer feinen Frau konnte ich aber schlect sagen: Nun he deinen Sie wissen schon auf das Pferd! Also musste ich lernen, mich besser auszudrücken. Örn hat viele Berufe: Er unterrichet Mathematik, Physik und Chemie, kümmert sich um seine Tiere (Schafe, Pferde; Hühner, Kühe) und um die Gäste, die in seine Jugendherberge kommen.

Vor dem Wintergarden liegen Walwirbel und eine Rippe; drinnen ist der gemütlichste Platz, um von Wanderungen auszuruhen. Über dreissig verschiedene Vogelarten brüten in der Bucht, für Island eine ungewöhnlich hohe Dichte. Selbst die grosse Raubmöwe lässt sich in Húsey nieder an einer der nördlichsten Stellen Europas für diese Art. ,,Im Mai kommen die Zugvögel und singen ihr Liebeslied, sagt Örn. ,,Das klingt wie eine Sinfonie.

Morgens fährt Örn mit seinen kleinen Kindern zum schwarzen Strand. Sie gucken nach den Seehunden, die gut getarnt in Gruppen auf den Sandbänken liegen. ,,In Héraðsflói leben zwölf bis fünfzehn Prozent des Seehundbestandes von ganz Island, erzählt Örn, während er Treibholz für die Heizung sammelt und angeschwemmten Flaschen für den Müllcontainer.

Seit dem vergangenen Sommer ist der Sand jedoch durchsetzt mit festen Plastikbändern, die wie gelbe, rote, grüne Würmer aus der Erde ragen. Das waren die ersten Zeichen, die Örn fand: Im Hochland passiert etwas, das Húsey wahrscheinlich zerstören wird.

Hundertfünfzig Kilometer entfernt, im Landesinnern. Nördlich des Vatnajökull, Europas grösstem Gletscher dröhnen Lastwagen über eine neue Asphaltstrasse, fressen sich Maschinen ins Gestein, schlagen überdimesionale Bagger ihre pyramidenartigen schwarzen Berg. Hier haben Erdbeben keine natürliche Ursache, sondern folgen handgemachten Explosionen. Ab 2007 sollen drei Dämme einen See von 57 Quadratkilometern die Grösse des Starnberger Sees zwischen dem Vatnajökull und Kárahnjúkar aufstauen. Der mittlere Damm wird mit fast 200 Metern Höhe, 700 Metern Länge und 600 metern Sockelbreite einer der grössten Europas sein.

Vom Kontinent kaum wahrgenommen, entsteht Islands umstrittenstes Bauprojekt in einem der grössten und letzten Wildnisgebiete Europas. Das neue Wasserkraftwerk soll Strom liefern für eine Aluminiumfabrik, die dem US-Konzern Alcoa gehören wird. Ob sich diese Fabrik bei den sinkenden Aluminiumpreisen überhaupt rentiert, ist fraglich. Vieles läuft anders, als die Regierung es versprochen hatte: Kárahnjúkar, der Berg des Windes, wird umgangssprachlich längst ,,der Berg der Sklaven genannt. Über 700 Männer aus fünfzehn Nationen arbeiten am Damm, auch im kalten Winter. Im Herbst streikten Arbeiter für bessere Kleidung und ärtzliche Versorgung. Berichte über Verletzungen des isländischen Arbeitsrechts häuften sich, und wer der Presse sagte, zu welchem Lohn er schuftet, wurde gefeuert. Das über 1,1 Milliarden US-Dollar teure Projekt wird teilweise durch internationale Kredite finanziert; vier der neunzehn involvierten Banken sind aus Deutschland.

Umwiederbringlich im Stausee versenkt werden: Brut- und Nahrungsgebiete von Tausenden Kurzschnabelgänsen und Rentieren; 200 Meter tiefe Schluchten, die Gletscherflüsse in Jahrtausenden in den Stein gefräst haben; archäologische Funde, die die Hrafnkel-Saga belegen, eine der ältesten Islands. Die Staumauern werden die Sedimente der Gletscherflüsse zurükhalten, die bisher ins Meer vor Húsey geschwemmt wurden und sich dort ablagerten. Örn Þorleifsson rechnet damit, dass die Küstenlinie zurück- und Húsey untergeht. Das Land, das er seit über dreissig Jahren mit Strandhafer aufforstet, liegt nur 50 bis 200 Zentimeter über dem Meer. Doch er ist nicht nur die Angst um Húsey, die Örn umtreibt: Es ist die Einstellung, mit der Menschen die Natur gegen Profit tauschen: ,,Wir vernichten uns selbst.